Weibliche Figur (Seifenbläserin), auf dem Pegasus über einer Industriestadt reitend
Zeichnung
Schinkel, Karl Friedrich (13.3.1781 - 9.10.1841), Zeichner
1837
Papier (vélin)
Aquarell, über Vorzeichnung mit Graphitstift
Blattmaß: 37,4 x 35,9 cm
Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin
Inv.-Nr.: SM 54.12 = KdZ 28498
Der bisherige, sehr verbreitete Titel des Aquarells »Beuth, auf dem Pegasus reitend« stellt sich bei genauerer Betrachtung als irreführernd heraus. Es ist offensichtlich, dass Beuth nicht in personam dargestellt ist. Viel anspielungsreicher, brachte Schinkel eine anatomisch androgyn anmutende, mit Dutt, langen Wimpern und Ohrring eindeutig aber weibliche Allegorie zu Papier, eine ironische Figur, die eben die Inspirationskraft wie den Aktenfleiß, die realen wie zerplatzenden Visionen seines Freundes zu verbildlichen weiß – eine zeitgemäße Fortuna.
Im Vordergrund einer weiträumig angelegten Industrielandschaft mit blockartigen Fabriken, Hochöfen, rauchenden Schornsteinen und einem stark befahrenen Kanal mit Flussanbindung öffnet sich trichterförmig ein anderes Bild. Dessen Rand ist von einem Rauchkranz umgeben, der es als fiktive Einblendung ausweist. Der Blick wird in eine Ecke des Beuth’schen Arbeitszimmers mit Akten des Gewerbevereins und des Berliner Kunstvereins gelenkt, beleuchtet von einer Lampe im Scheitel des Ausschnitts. Nicht über der Landschaft, über diesem »Think tank« schwebt jene Seifenbläserin auf dem Rücken des Pegasus, der wie das Licht in der Kammer ein Symbol der Inspirationskraft ist. Als Ausgeburt des Geistes wirkt die allegorische Gruppe wie thermisch aus dem Aktenkessel emporgehoben – ein Motiv, das Schinkel aus dem sogenannten Pinetti-Theater gekannt haben könnte. Dort wurden unter dem Pächter Johann Carl Enslen ab 1796 u. a. »aerostatische Kunststücke« aufgeführt, darunter der »Reuter« auf dem Pegasus (Abb. in: Schulze Altcappenberg 2012). So schuf Schinkel mit dem Pegasus-Blatt ein Bild aus mehreren Zeit- und Quellenschichten von der antiken Mythologie bis zur Zukunftsvision, vom physikalisch-technischen Theater bis zur Seelenschau.
Text: Heinrich Schulze Altcappenberg (2012; nach dem Eintrag in Kat. Berlin Schinkel 2012)
Iconclass:
25FF24(PEGASUS)(+5262) * Huftiere als Fabeltiere: Pegasus: hier entweder 93 D 1 (Pegasus) oder 25 FF (geflügeltes Pferd) für das entsprechende Fabeltier im nicht klassisch-mythologischen Kontext benutzen (+ fliegende Tiere) (Bewegung, Erde, fliegen, Haltung, Huftier, Luft (in der), Natur, Säugetier, schweben, Tier, Welt)
31AA235(+21) * sitzende Figur - AA - weibliche Figur (+ Rückansicht mit verlorenem Profil) (Akt, Anatomie, Biologie, corpo humano, Frau, Haltung, Körper, Leib, Mann, Mensch, menschliche Figur, nackt, Profil, Ripa, Cesare, Rückenansicht, sitzen, verlorenes Profil)
46C131 * auf einem Pferd, Esel oder Maultier reiten; Reiter(in) (Gesellschaft, Huftier, Kultur, Land, reiten (zu Pferd), Tier, Tragtier, transportieren, Verkehr, Zivilisation)
31AA54611 * Seifenblase - AA - im Freien (Akt, baden, Biologie, Blase, corpo humano, Frau, Hygiene, Körper, Leib, Mann, Mensch, menschliche Figur, nackt, pflegen, Ripa, Cesare, Seife, sorgen, Toilettenartikel, waschen)
47A1 * Industrieanlagen, Fabriken von außen (äußerlich, Berufe, Fabrik, Gebäude, Gesellschaft, Gewerbe, Handwerk, Industrie, Kultur, Zivilisation)
Literatur ⇓
Börsch-Supan, Helmut: Bild-Erfindungen, Karl Friedrich Schinkel Lebenswerk, Bd. 20, 2007, S. 535 f. Kat.-Nr. 331, S. 166 Farbtaf.
Matschoss, Conrad: Preussens Gewerbeförderung und ihre grossen Männer. Dargestellt im Rahmen der Geschichte des Vereins zur Beförderung des Gewerbefleisses 1821-1921, 1921, S. 72 mit Abb.
Riemann, Gottfried; Bindman, David: Karl Friedrich Schinkel. Reise nach England, Schottland und Paris im Jahre 1826, 1986, S. 253 mit Abb. 204.
Schulze Altcappenberg, Hein-Th., Johannsen, Rolf H. und Lange, Christiane (Hrsg.): Karl Friedrich Schinkel. Geschichte und Poesie, 2012, S. 246 f. Kat.-Nr. 188 mit Abb.
Schulze Altcappenberg, Hein-Th.: "Letzte Lebensphilosophie". Die Allegorien auf Peter Beuth, Schulze Altcappenberg, Hein-Th.; Johannsen, Rolf H.: Karl Friedrich Schinkel. Geschichte und Poesie. Das Studienbuch, Berlin/ München 2012, S. 200 f., 203, 205 mit Abb. 5.
Wolzogen, Alfred von (Hrsg.): Aus Schinkel's Nachlaß. Reisetagebücher, Briefe und Aphorismen, 3 Bde., Berlin 1862-1863. Bd. 4: Katalog des künstlerischen Nachlasses, Berlin 1864. Reprint 1981, 1862-1864, Bd. 2, 1962, S. 337
PURL:
http://schinkel.smb.museum//index.php?id=1507153
Provenienz ⇓
Berlin; private Sammlung; Beuth, Christian Peter Wilhelm
vierter Vorbesitzer
Berlin; öffentliche Sammlung; Preußisches Kultusministerium, Schinkel-Museum
dritter Vorbesitzer
1844 - 1879
Berlin; öffentliche Sammlung; Technische Hochschule Berlin, Schinkel-Museum
zweiter Vorbesitzer
1879 - 1923
Leningrad; öffentliche Sammlung; Eremitage
zeitweilige Verwaltung
Mai/Juni 1945 - 1958
Berlin; öffentliche Sammlung; Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
erster Vorbesitzer
1923 - 1992
Berlin; öffentliche Sammlung; Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Kupferstichkabinett
Verwalter
1992
Foto: 2011 ©
Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin

